Interview Pflegemutter S.
Wie viele Pflegekinder betreut ihr und in welchem Alter?
Wir betreuen zurzeit vier Pflegekinder mit den Jahrgängen 2009, 2014, 2018 und 2020.
Was hat euch dazu bewogen, Pflegekinder aufzunehmen?
Wir wollten Kindern, die nicht bei ihren eigenen Eltern aufwachsen können, eine Chance geben, in einem behutsamen Hause aufzuwachsen.
Kannst du das Gefühl beschreiben, wie es ist, wenn man die Kinder zum ersten Mal trifft?
Es ist jedes Mal ein aufregender Moment. Man hat Vorstellungen und Erwartungen, trifft aber meist eine ganz andere Situation an. Ich bin immer sehr nervös. Wenn ich aber vor Ort bin, legt sich dies. Ich versuche immer, positiv und offen an die ersten Treffen zu gehen. Es ist für mich wichtig zu sehen, wie das Kind auf mich reagiert. Wenn ich das Kind zum ersten Mal sehe, ist das immer etwas sehr Besonderes!
Ihr habt vorher ohne Kinder gelebt. Gibt es Dinge, die du vermisst?
Die Spontanität ist nicht mehr gegeben. Wir können nicht einfach den Schlüssel drehen, ins Auto steigen und losfahren. Aber diese Zeit wird wieder kommen, wenn die Kinder älter sind. Die Zeit zu zweit vermissen wir manchmal schon etwas.
Du bist rund um die Uhr gefordert. Was tust du, um nicht auszubrennen? Wie erholst du dich?
Das wöchentliche Singen tut mir sehr gut. Singen befreit und tut der Seele gut! An diesem Abend kann ich abschalten. Einmal im Monat machen mein Mann und ich uns einen gemütlichen Abend. Jährlich nehme ich mir drei Tage frei und unternehme etwas mit meinen Freundinnen. Dieses Jahr geht’s nach Amsterdam! Wenn ich kurz vor dem Ausbrennen bin, hole ich mir gerne Hilfe von Freundinnen oder Verwandten. In grossen Notsituationen würde der Landfrauenverein TG und natürlich KIDcare helfen. Zum Glück musste ich dies noch nie in Anspruch nehmen.
Was ist die grösste Herausforderung als Pflegeeltern?
Zum einen ist der Umgang mit den leiblichen Eltern ist eine grosse Herausforderung. Zum anderen ist es die Arbeit mit den Pflegekindern, welche mit einem „gefüllten Rucksack“ zu uns kommen. Bestimmte Reaktionen verstehen und zuordnen zu können, ist oft sehr schwierig. Haben die Auffälligkeiten mit der Biografie zu tun oder sind es „normale Phasen“, die jedes Kind durchmacht? Diese Frage stelle ich mir immer wieder.
Was sind schöne Momente?
Wenn zum Pflegekind eine Bindung entsteht, ist das das schönste Geschenk! Schöne Momente sind auch, wenn man mit dem Kind an einer Schwierigkeit gearbeitet hat und es dann besser mit der Situation umgehen kann. Wenn mir die Kindseltern vertrauen und eine wohlwollende Zusammenarbeit entsteht, freut mich das ebenfalls sehr.
Um welche Unterstützung bist du dankbar?
Ich schätze die grosse Unterstützung von KIDcare! Ohne Fachstelle würde ich keine Pflegekinder aufnehmen. Auch ein guter Beistand, eine gute Beiständin, ist eine hilfreiche Unterstützung. Aber auch Hilfe der Familie und Freunden, die für uns da sind, bedeutet uns viel.
Wie empfindest du die Zusammenarbeit mit den Herkunftseltern?
Ich habe mit allen Eltern unserer Pflegekinder schöne Momente erleben dürfen. Ich habe zu allen einen guten Kontakt. Ich bin mir aber bewusst, dass dies nicht selbstverständlich ist. Eine gute Portion Verständnis und Respekt gegenüber den Eltern ist sehr wichtig!
Eins eurer Pflegekinder ist zu den Eltern zurückgekehrt. Wie gelingt euch das Loslassen?
Es fällt schwer, ein Kind loszulassen! Trotzdem versuche ich, das Positive zu sehen. Es ist wichtig, dass man sich früh damit auseinandersetzt. Bei unserem Pflegebub verläuft alles gut. Die Eltern haben grosse Fortschritte gemacht, es geht ihm gut bei ihnen und der Rückkehrprozess wurde sorgfältig und langsam gestaltet. Wir versuchen, den Kindern möglichst viel Gutes mitzugeben in der Zeit, in der sie bei uns sind.
Was würdet ihr anderen Pflegeeltern mit auf den Weg geben?
Pflegekinder zu betreuen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Kinder können und dürfen nicht das eigene Bedürfnis nach „Familie“ befriedigen. Man muss sich bewusst sein, dass man nicht nur das Kind aufnimmt, sondern auch die Eltern und ein ganzes System dazugehören.